12/30/2014

Wie eine einzige Sekunde alles verändern kann.

Ganz oft schon wollte ich diesen Post schreiben, habe es aber immer wieder gelassen. Ich weiß einfach nie recht, wo ich anfangen soll. Viele haben es vor allem bei Twitter mitbekommen, was passierte; hier auf dem Blog schrieb ich wenig darüber. Mittlerweile sind auf den Tag genau 7 Monate vergangen.

Am Freitag, den 30.05. biss mich unser Hund ins rechte Handgelenk. Er hatte eine Zecke direkt am Mund. Mein Bruder rief  mich, ob ich ihm helfen könne. Ich war eigentlich gerade auf dem Weg in die Stadt. Sagte trotzdem 'Ja'. Der Hund lässt sich sonst immer Zecken entfernen, immer ganz lieb. Ich lenkte ihn ab, während mein Bruder es versuchte. Er zappelte zu doll. Irgendwann sagte ich 'Lassen wir das besser, der wird total steif und unruhig.' Mein Bruder sagt 'Komm, noch einmal, die muss weg.' In dem Moment, wo ich mich runter beugte, biss er. Eine Sekunde. Eine kleine Wunde. Mit Hundebissen hatte ich Erfahrung, es war der dritte Biss. Ich spülte erst minutenlang am Waschbecken die Wunde aus, danach mit Rivanol. Trotzdem fuhr ich damit zu meinem Hausarzt, sicher ist sicher. Er machte diese dunkelrote Paste drauf, verband es. Bisher hatte ich nie Probleme damit.




Samstag bekomme ich urplötzlich einen richtig dicken und roten Arm, bis zur Armbeuge. Wir wickeln den Verband lockerer drum, weil ich denke, dass er einfach zu fest ist. Aus Angst vor einer Entzündung renne ich Sonntags früh zu meinem Hausarzt (zum Glück hat er am WE auf, weil dieses Methadonprogramm für Süchtige durchführt). Er öffnet den Verband und die Wunde eitert richtig übel. Er drückt alles aus und verbindet neu. Ich soll viel kühlen. Muss zur Notapotheke und muss ab da an 4x täglich 1000mg Anitbiotikum nehmen. Montag soll ich wieder kommen.
Montag das gleiche Spiel. Die Wunde eitert wieder doll. Ich bekomme eine Überweisung zum Chirurgen. Beim Chirurgen bekomme ich einen Termin direkt am nächsten Tag, den Dienstagabend.


Mein Chirurg will sofort operieren. Es hat sich wohl eine Wundhöhle unterhalb der Wunde gebildet, die auch trotz Tabletten nicht verschwindet. Er schlägt einen kleinen Schnitt vor, hat allerdings keinen Anästhesiten mehr im Haus (da es schon spät war) und überweist mich sofort ins Krankenhaus. Ich fahre auch direkt ins Krankenhaus. Dort sagt man mir 'Quatsch, das operieren wir nicht, das geht auch so weg.' Mir wird unter übelsten Schmerzen Sorbact mit einer Pinzette in die Wunde gestopft. Bekomme einen Gipsverband und soll jetzt jeden Morgen ambulant ins Krankenhaus, auch nüchtern, da immer noch die Option bestünde, dass man vielleicht doch operiert.



Eine Woche lang, gehe ich jeden Tag nüchtern ins Krankenhaus. Jeden Tag kommt eiter aus der Wunde, trotz Sorbact, trotz der vielen Tabletten, die ich nehmen muss. Immer sagt man mir 'Die Wunde sieht gut aus.' 



Dienstag, den 10.06. komme ich nicht mehr nüchtern, weil ich nicht mehr mit einer OP rechne. Lege mir drei Nachhilfestunden auf später, weil ich denke, dass sowieso nur wieder geschaut wird. Eine Ärztin schaut sich das an und sagt nur 'Das kann einfach nicht sein, das eitert seit über 10 Tagen, ich reserviere einen Platz im OP.' Sie rief sofort im OP an, allerdings war ich nicht nüchtern und musste 6 Stunden auf die OP warten. 



Die OP verlief gut, ich hatte eine Vollnarkose, konnte danach aber sofort nach Hause. Ich sah nicht, was gemacht wurde, ich hatte wieder einen Gips. Ich sollte den Mittwoch zu Hause bleiben und mich ausruhen und am Donnerstag erneut ins Krankenhaus in die Ambulanz kommen. Danach wollte ich arbeiten gehen, für eine Kollegin einspringen. Ich wartete ewig im Wartezimmer, war mega angepisst. Zwei Stunden später ruft man mich ins Zimmer und ich sehe die Wunde das erste Mal. Leider steckte wieder Sorbact drin. Ich sag euch, das ist die Hölle dieses Zeug. Einsetzen und Rausnehmen tuen höllisch weh. Ich heulte die ganze Woche jeden Tag, wenn die das machten. Jetzt stellt euch vor, dass die mir das im OP ordentlich reinstopften, ich bekam es ja nicht mit. Die zogen mir das raus und ich heulte und schrie am Spieß. Ich bekam Schmerzmittel. 



Die Ärzte rannten raus, immer wieder kam einer gucken, aber sie ließen mich erstmal in Ruhe. Dann kam allerdings ein Arzt und sagt mir nur 'Wir müssen sie leider stationär aufnehmen und heute erneut operieren.' Daraufhin fing ich an wie ein Wasserfall zu weinen. Der eine Chirurg war total überfordert und sagte nur die ganze Zeit 'Was ist los? Warum weinst du?' Ich war einfach total fertig.

Ich bezog mein Zimmer, bekam direkt wieder mein OP-Hemd und es folgte OP Nr. 2 am Donnerstag. Es wurde mir in dieser OP der gesamte Unterarm aufgemacht. Die Entzündung ist gewandert, hat meine Sehne angegriffen.. Ich bekam Infusionen und es wurde nicht besser. Samstag, Montag und Mittwoch erfolgten weitere OPs. Die letzte OP war am 26.06.! Jedes Mal Vollnarkose. Ich wachte irgendwann nur noch mit Sauerstoffschlauch an der Nase auf, weil ich aufhörte selbstständig zu atmen. 



Mein Körper reagierte allergisch auf die Klammern. Ich musste also genäht werden. Dann konnte man nicht alles zunähen, weil die Haut an meinem  Handgelenk so angeschwollen war. Es kam das Thema 'Hauttransplantion' auf. Nach 8 Zugängen wollten die Ärzte auf Tabletten umstellen. Darauf reagierte mein Körper mit Fieber und ich bekam noch mehr Infusionen. Tagelang kamen die Ärzte und sagten nur 'Leider unverändert.' 

so sah ich meinen Arm das erste Mal nach OP 2
 Es dauerte einfach ewig. Man liegt dort und weiß nicht, was noch passieren wird. Irgendwann war dann der Zeitpunkt, dass ich meinen Arm nicht einmal mehr strecken konnte, meine Finger nicht mehr bewegen. Ich bekam 2x täglich Physiotherapie. Schmerzhaft, unter Tränen. Nach drei Wochen hatte ich einen Krankenhauskollar. Es ging einfach nicht mehr. 



Im OP wurde einem schon gewunken, weil man so bekannt war. Vor der letzten OP bekam ich keine Beruhigungstablette mehr mit der Begründung 'Das kennst du ja jetzt schon alles.' Wäre da nicht das Problem gewesen, dass ich auf dem OP-Tisch lag und keiner hat einen Zugang legen können, weil ich schon total zerstochen war. Meine Nerven lagen total blank. Als ich nach zwanzig Minuten tränenaufgelöst da lag und sie endlich einen Kinder(!)zugang gelegt hatten, spritzten die mir die Narkose direkt ohne das Mittel davor oder alles zusammen, ich weiß es nicht. Ich weiß nur noch, dass ich so schnell noch nie weg war.
Nach 29 Tagen Krankenhaus wurde ich wegen Bettennot entlassen. Mit freiliegender Sehne. Ich musste trotzdem noch über einen Monat in die Ambulanz zur Nachsorge.

wächst irgendwann langsam zu..
Es folgten 21 Tage ambulante Reha und schlussendlich habe ich jetzt eine verkürzte Sehne, bekomme meine Hand nicht mehr 'nach hinten'. Stellt euch das so vor, ihr könnt nicht mehr auf allen Vieren stehen. Ich könnte niemals mehr einen Handstand machen und mich aufstützen. Da ist eine totale Blockade.


Da eine Narbenkorrektur in dem Ausmaße für mich unbezahlbar ist, habe ich mir das direkt aus dem Kopf geschlagen. Nachdem allerdings der Chirurg aus dem Krankenhaus, mein Hausarzt und sogar mein Frauenarzt sofort von 'Narbenkorrektur... das musst du nicht bezahlen, dafür setze ich mich höchstpersönlich ein!' anfingen, überlege ich es mir. Es ist natürlich ein erneutes Risiko. Mein Hausarzt sagt, im Juni nächsten Jahres werden wir uns darüber unterhalten und er wird mit verschiedenen Ärzten sprechen... Mal abwarten.

Habe weiterhin sehr zu kämpfen damit. Zu dieser Jahreszeit, mit langen Armen ist es völlig okay. Aber ich habe leider auch schon negative Erfahrungen machen müssen. Als ich im September (circa) mit dem Bus zum Pferd gefahren bin, im T-Shirt, brüllte irgendein Mädel von hinten "Booor, Alter, guck mal, soooooo riesig, krass guck mal, rechts." Und sie hörte leider die ganze Busfahrt nicht auf, sodass ich meinen Arm irgendwie versteckte und es zutiefst bereute ein kurzarm-Shirt zu tragen. Ja, es ist riesig und ungewöhnlich, aber mit solchen Menschen kann ich noch nicht umgehen. Ichh habe kein Problem damit, wenn sich Leute dafür interessieren, aber mit Mitleid oder Rücksichtslosigkeit komme ich gar nicht zurecht. Vielleicht legt sich das auch irgendwann wieder, ich will es hoffen..

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  1. wah, krass! Was alles durch so einen Hundebiss passieren kann!
    Die Wunde und auch Narbe sieht wirklich nicht doll aus, aber was soll man machen? Das zu verstecken bringt ja auch nix.
    Ich hoffe, dass das mit der Narbenkorrektur was wird. Ist es denn die Schuld des Krankenhauses, dass es so schlimm geworden ist? Weil, dann wäre es doch echt unverschämt, wenn du das selber zahlen müsstest.
    Mein Freund hat am Handgelenk eine noch recht sichtbare Narbe von früher. Aber die ist um Längen nicht so sichtbar, wie deine. Wobei die sicher auch mit der Zeit blasser wird. Hast du denn auch schon mal Narbengel ausprobiert? Ich glaub, von Bepanthen gibt's zum Beispiel eins.

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    1. Beweisen kann ich es nicht, es kann auch sein, dass es direkt klar gewesen wäre, dass es bereits gewandert ist. Denke mal, deshalb setzen die sich auch dafür ein. Es ist z.B. auch so, dass man nach stationärem Aufenthalt nur 14 Tage ambulant weiter behandelt werden darf, ich war trotzdem noch locker 3 Wochen länger dort. Gehe mal davon aus, dass die ein schlechtes Gewissen haben. Mein Hausarzt sagt, ich müsste das auf gar keinen Fall bezahlen! Ich wäre da locker bei 2000€ und dann möchte ich es ja auch von einem sehr guten Arzt gemacht bekommen, das sind dann meist die Chefärzte und auf die habe ich leider kein Anrecht, weil ich nicht privat versichert bin bzw meine Zusatzversicherung bei dem Unfall nicht greift.

      Habe Narbengele zu Hause auch das von Bepanthen, aber das bringt gar nichts. Habe leider das Pech, dass alles super wulstig geworden ist.

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  2. Krasse Story.
    Langärmelig kann man eigentlich immer tragen.
    Oder du bindest dir halt um die Stelle so nen dünnes Tuch, mit ner Schleife oder so. Dann wirkt das wie so nen modisches Accessoire.
    Du hast echt viel Leid gehabt mit deinem Arm. Aber hey, weisst du, ist nur der Körper, und der ist vergänglich, und der Körper eines jeden Menschen liegt irgendwann im Grab und modert, ganz unschön anzusehen, vor sich hin.

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  3. meine liebe, jetzt alles so zu lesen und diese furchtbaren bilder zu sehen, schockt mich total! das tut mir wirklich sehr sehr leid. du kannst stolz sein, dass du das alles überstanden hast. leider ist es sehr schwer ärzten nachzuweisen, dass sie vielleicht falsch behandelt haben. ich drücke dir ganz fest die daumen, dass wenigstens die narben gut behandelt werden können und du nicht dafür zahlen musst!!! liebsten grüße! möge 2015 besseres bringen!

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    1. Danke ♥
      Ja, da hast du vollkommen recht. Danke dir ♥♥

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  4. OMG!!! Ich bin gerade sprachlos :( Da ich ja leider so viel arbeiten muss(te) hab ich das ja nur zum Teil mitbekommen, aber jetzt fehlen mir echt die Worte!!! Wenn wir in USA leben würden, könntest du die Ärzte verklagen!!! Ich weiß, das ist kein Trost, aber mal ganz ehrlich: Wenn sich jemand über so etwas übles lustig macht, dann musst du dir einfach sagen: Der/die wird auch irgendwas häßliches am Körper haben, nur siehst du es gerade nicht!!! Denn wer sowas in deiner Gegenwart sagt, ist echt nicht mehr ganz richtig...

    Ich hoffe sehr, dass es evtl. noch etwas besser verheilt und du irgendwann damit zurecht kommst <3 Knutscha <3

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  5. Ehrlich gesagt finde ich die Reaktion dieses "Görs" ziemlich übertrieben und unhöflich. Ich glaube mehr als einmal würde ich nicht hinschauen. Da finde ich es auffälliger, wenn jemandem Gliedmaßen fehlen oder er im Gesicht erstellt ist.
    Das Krankenhaus und die Ärzte haben meiner Meinung nach total Mist gebaut, aber klagen ist immer so eine Sache. Wenn man verliert bleibt man auf den Kosten sitzen.

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    1. Das stimmt. Eigentlich reagiere ich dann auch anders, selbstbewusster. Nur mit dem Arm klappt das leider gar nicht. Da kommt immer gleich alles hoch bei mir :/
      Ja, richtig. Und so ein Prozess wäre wirklich nervenaufreibend.

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  6. Wow das finde ich wirklich sehr mutig von dir darüber zu sprechen. Ich war auch bereits mehrmals im Krankenhaus und musste operiert werden weil ich eine unheilbare Krankheit habe. Zudem ist mir mein rechter Eierstock durch eine Zyste abgestorben. Bei der Narbe von der Op hatte ich so ein ähnliches Problem aber viel weniger schlimm als bei dir. Es blieb auch offen und eiterte und dann haben die auch so Pillen reingestopft. Ohje das war wirklich unschön und deswegen ist keine Narbe nun nach innen gewölbt. Auch unschön aber da unten sieht es Gott sei dank niemand. Meine anderen Narben sind ungefähr so groß wie deine jedoch wurde das alles irgendwie viel hübscher genäht. Irgendwie unterirdisch. Versteh ich nicht wieso die das dann nicht immer so machen weil dann sieht man die Narben später fast gar nicht mehr, bin eigentlich für die Umstände sehr zufrieden damit. Ich bin dir dankbar für deine Schilderung weil ich es auch als Warnung sehe. Ich selbst habe dort vieles schlimmes erlebt und warne eigentlich auch immer alle in meinem Umfeld. Man muss bei Ärzten echt aufpassen. Bei mir waren es auch total falsche Diagnosen, dann zerkratzen die mir die Harnröhre, mein Notknopf auf der Intensiv war defekt sodass ich fast an meinem Erbrochenem erstickt wäre. Der Schlauch durch meine Nase in den Magen war also unnütz wenn dann in dem Moment keiner kommt -.- ich rief um Hilfe durch die offene Tür, niemand kam. Leute liefen zahlreich vorbei. Naja alles wirklich sehr prima. Man darf sich nicht verarschen lassen und muss sich selbst kümmern. Ich hoffe du bekommst deine Narbenkorrektur

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    1. Danke ♥
      Das hört sich schrecklich an, was dir passiert ist. Das darf nicht passieren! Klar, sind Ärzte auch nur Menschen, aber sowas ist grausam!
      Die Ärzte meinen, dass ich einfach Pech hatte. Jeder Körper hätte angeblich immer eine andere Narbenbildung. Allerdings habe ich bis auf den Arm immer sehr sehr gute Narbenheilung gehabt. :/

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  7. Hallo Süße,
    ich hatte es ja "damals" auch nur am Rande über Dein Blog immer mal wieder verfolgen können und finde es gut, aber sicherlich auch mutig (denn die Wunden sind, auch wortwörtlich, ja noch nicht verheilt), dass Du hier ausführlicher drüber berichtest!
    Das Erlebnis im Bus ist einfach ätzend! Ich kann verstehen, dass es Dich sehr mitgenommen hat bzw. auch noch mitnimmt. Manche Menschen sind einfach nur sch... sorry, aber leider gibt es eben auch dumme Menschen. Da drüber zu stehen, ist gerade anfangs nicht einfach.
    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass wenigstens die Narbe verfeinert werden kann, wenn schon die Bewegungseinschränkung bleibt.
    Für 2015 wünsche ich Dir umso mehr noch neben Glück vor allem Gesundheit!!!!
    Viele liebe Grüße
    Janine

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    1. Danke für deine tollen Worte ♥
      Ich wünsche dir ebenso ein tolles neues Jahr und nur das allerbeste :)

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  8. Ich habe gerade angefangen zu heulen. So geballt alles zu lesen war sehr aufwühlend und ich würde dich wirklich gerne drücken. Ich hoffe, dass man dir mit der Narben helfen kann, um es etwas besser zu machen ((()))

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    1. Danke, Liebes ♥
      Du bist auch immer einer der Menschen auf Twitter, die mich immer wieder aufgebaut haben in der Zeit. ♥♥♥ DANKE!

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Danke für deinen Kommentar. ♥